Aus der Bildungsreihe für VFDS-Mitglieder

Buchholz wird Marinestützpunkt

Sensationelle Entwicklung in dem Heidestädtchen

Schon in dem aufsichtserregenden Artikel der Zeitung "Buchholzer Bote" vom 1. April 1957 wurde schon damals darauf aufmerksam gemacht, aus Buchholz einen Marinestützpunkt zu machen:
Am kommenden Montag wird Admiral Lirpa um 0,01 Uhr im Rahmen eines feierlichen Festaktes Buchholz zum Marinestützpunkt proklamieren. Diese Nachricht über den von den zuständigen Stellen bisher streng geheim gehaltenen Schritt der Admiralität erreichte uns nach Redaktionsschluß über den dienstlosen Draht.

Als Kriegshafen sind die beiden Badeanstalten vorgesehen, die miteinander verbunden und entsprechend ausgebaut werden sollen. Wie wir aus absolut unzuverlässiger Quelle weiter erfahren, soll der fortdauernde Streit um die Unterhaltung der beiden Badeanstalten der Admiralität den letzten Anlaß zu diesem so bedeutenden Schritt gegeben haben. Einige der in Buchholz stationierten Marineeinheiten werden über einen noch zu bauende Kanal zur Elbe einen ständigen Bäderdienst unterhalten, so daß man gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen wird.

Die Bedeutung dieser sensationellen Entwicklung dürfte für Buchholz auf der Hand liegen: Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser! Dahinter werden selbst die Bundestagswahl, die Maul- und Klauenseuche und die Frage des Kreissitzes verblassen.

Die Auswirkungen werden sich selbstverständlich auf allen Gebieten des Lebens in der Gemeinde ergeben.
So ist erstmals zum Zeichen der inneren Verbundenheit mit den Blaujacken eine Abänderung des Gemeinde
­wappens vorgesehen. Neben den bisherigen Emblemen wird das Wappen einen mit einer Rumflasche gekreuzten Anker erhalten. Ferner sollen die Gemeindeväter bei offiziellen Anlässen und Sitzungen ihres zivilen Habits entkleidet werden und dafür adrette Matrosenanzüge tragen. Der Bürgermeister erhält den Range eines Oberbootsmannsmaats; er wird sich künftig in den Gemeinderatssitzungen nicht durch die Glocke, sondern vermittels einer silbernen Bootsmannspfeife Gehör verschaffen. Diese ist um den Hals zu tragen. Die Marineleitung hat sich ihrerseits bereit erklärt, zu den jeweiligen Sitzungen Ordonnanzen zur Bedienung zu stellen, die gegebenenfalls auch die Befugnis besitzen, einen allzu stürmischen Verlauf der Debatten auf die normale Windstärke zu reduzieren. Seinen zivilen Charakter wird lediglich der Gemeinde­direktor behalten, doch wird dem Verwaltungschef das Tragen eines Zylinderhutes zur Pflicht gemacht

Auch auf das Vereinsleben wird die Marine ihren Einfluß nehmen. So ist u. a. die Teilnahme an den Schüt­zenfesten beabsichtigt. Hier soll jedoch, falls der Vogel sich als hartnäckig erweist und nicht im rechten Augenblick sein Leben aushaucht, nur die mittlere Artillerie zum Einsatz gelangen. Daß die Proklamation des Schützenkönigs sich unter dem Donner der Schiffsgeschütze vollziehen wird, versteht sich am Rande. Die Gesangvereine sollen angehalten werden, das gute Seemannslied zu pflegen. Darüber hinaus wird den Sangesbrüdern empfohlen, den künftigen maritimen Charakter durch einen schaukelnden Seemannsgang zu unterstreichen. Nicht zu vergessen sei eine Empfehlung an sämtliche Gaststätten, die Stationen für Seekranke wesentlich zu erweitern.

Eine spürrbare finanzielle Entlastung wird die Gemeinde durch die Marine auch auf dem Sektor des Straßen­baues erfahren. Es besteht die Absicht, nach venezianischem Muster des Ortskern mit einer Reihe von Kanälen durchziehen. Dem örtlichen ADAC wird sich hier die Aufgabe bieten, durch Beschaffung geeigneter Gondelführer oder –innen, dem Verkehr die flüssige Form zu verleihen. Gleichzeitig wird damit eine Entlastung der Bundesbahn vorgesehen, um bei vorkommenden Verspä­tungen die Reisenden rechtzeitig an ihr Ziel zu bringen. Da auch die Bildung von einem Ruderklub in Aussicht genommen ist, und auch Schnellboote zum Einsatz gelangen sollen, dürften Verkehrsfragen in Buchholz keine Rolle mehr spielen.

Nach einstweiligen Verlautbarungen wird die Marineverwaltung ihren Sitz in dem noch auszubauenden Spritzenhaus nehmen. Der verlängerte Schlauchturm wäre dann gleichzeitig als Leuchtturm vorgesehen. Unter Umständen wird der Plan, direkte Bierleitungen vom Gasthaus Cohrs in das Marineverwaltungsgebäude zu legen, auch noch Wirklichkeit.

In seiner Proklamation wird Admiral Lirpa ebenfalls anregen, mit sofortiger Wirkung im örtlichen Bereich den Seemannsgruß „Ahoi« einzuführen, wobei es den Männern überlassen bleibt, die rechte Hand in der Tasche zu behalten oder sie waagerecht zu betätigen.

Admiral Lirpa wird den Festakt mit einem Appell an die „Meckerer“ und „Übelnehmer“ schließen. Wer solches tut, darf auf Lebenszeit von sämtlichen Bordfesten ausgeschlossen werden und bleibt auf dem Trockenen!
 
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